Trailer: http://www.dailymotion.com/video/xv8lhq_genie-und-verbrechen-von-george-f-walker_creation 

 

DIE DUMMEN, DIE ARMEN, DIE GÜTIGEN

Die Welt ist sehr, sehr chaotisch. Zu chaotisch, als dass man alle Zusammenhänge begreifen könnte. Zu komplex, um wirklich mit letzter Konsequenz für alle Handlungen und Entscheidungen wahrhaft Verantwortung übernehmen zu können. In ihr taumeln reiz- und bedeutsamkeits- oder sinn- bzw. unsinnsüberflutete Individuen, die es nur grade so schaffen, zurande zu kommen. Das Bewusstsein unserer Zeit gleicht einem medialen Müllsack, der überquillt. Und wer die Kunst nicht beherrscht, Überflüssiges zu löschen, bekommt existentielle Probleme. Woran soll man sich auch noch halten bei diesem Übermaß an Sinnstiftern? Woher soll ein ethischer und/oder metaphysischer Halt herkommen? Aus unserer heutigen Medienlandschaft? Aus Zeitschriften? Aus dem TV? So manch ein Selbstwertgefühl steht in direkter Abhängigkeit vom Ergebnis des letzten Persönlichkeitseinstufungstests irgendeines Magazins. Identität ist beliebig, austauschbar, frei disponibel. Das ist furchtbar unbefriedigend. Und dann gibt´s ja auch noch diese Sache mit dem Geld. Wer nichts hat, ist auch nichts. Wie gehen die so genannten kleinen Leute damit um? Ein jeder hat doch die Sehnsucht nach mehr Geld, mehr Ansehen, mehr Macht, "weil Geld und Prestige das Aussehen und das Handeln der Menschen verändern können...", weiß Amanda Castle aus GENIE UND VERBRECHEN. Um "gut" zu sein, muss man aber auch materiell gut ausgestattet sein. All die großen, menschlichen Projekte, die humanistischen Ideale, die Aufklärung, das Streben nach einer besseren Welt, nach globaler Gerechtigkeit usw. sind wert- und bedeutungslos angesichts materieller Perspektivlosigkeit.

George F. Walker weiß genau, wovon er schreibt. Aufgewachsen in einem schmuddeligen Arbeiterviertel Torontos, verdingte er sich als Taxifahrer, bis er 30 war. Er stieß zufällig auf eine Ausschreibung für einen Stückewettbewerb, beteiligte sich und gewann. Walker zerrt die Charaktere, die sonst von der Literatur eher vernachlässigt werden, auf die Rampe, in die Mitte. Die Randfiguren eines Halbweltmilieus, so wie die kleinkriminellen Versagertypen Rolly&Sohn, die ohne Chance sind auf das, was man ein "normales" Leben nennen könnte. Es sind die Verletzten, Verwirrten, Gejagten und Verlorenen, die Dummen, Armen, Verzweifelten, die Stummen und Niedergeschlagenen. Die, die immer zu nett waren. Die, die keine Zeit haben für die schönen Seiten des Lebens, weil sie jeden Tag zu kämpfen haben. Die ganz nah dran sind am wahren Leben. Sie erfüllen es und schleudern es in die nächste Ecke, kommen letztlich zu einer größeren Selbstbewusstheit, an der sie sich aber verbrennen. als dass sie sie erleuchtete. Kann das auch witzig sein? Und ob! George F. Walker ist ein Meister der Komik aus der ehrlichen Situation heraus, besonders in GENIE UND VERBRECHEN. Das Lachen entsteht dabei nie auf Kosten der Charaktere, sie sind stets auf Augenhöhe mit dem Zuschauer und das Lachen wird wenigstens von einem Schauer begleitet. Walker vermag es wie kein anderer, eine perfekte Balance aus der Konfrontation von Lachen und Weinen herzustellen, - und ja, man darf behaupten, dass diese Balance von großer Weisheit zeugt. 

(Ankündigungstext Theaterzeitung 11/12 2012) 

 

SELTSAME STIMMEN AUS EINEM MOTEL

So schreibt George F. Walker eben. Er befindet sich irgendwo - und es spielt keine Rolle, wo genau. Und plötzlich, durch eine Art von Anfall, legt sich in seinem Kopf ein Schalter um und es entstehen Dialoge. Seltsame Stimmen sprechen da so beharrlich, dass er sich genötigt sieht, sie niederzuschreiben. Es gibt Menschen, die bezeichnen diese Schreibmethode als "Écriture automatique". Walker selbst, wohl der produktivste (25 Stücke) und ruhmreichste englischsprachige Dramatiker Kanadas, bevorzugt eine andere Sichtweise: Es ist eine "heilsame Variante von Schizophrenie. Die Stimmen sind nicht einfach nur da, sie haben einen Zweck. Sie sind nicht da, um eine Welt zu zerstören. Sie sind da, um mir dabei zu helfen, ihre Geschichte raus zu lassen. Ich bin lediglich der Herausgeber, ein Vermittler, eine Art Platzanweiser. Setzen Sie sich doch!" 

Vor kurzem war der Platzanweiser sehr beschäftigt. Im letzten Jahr erzeugten Walkers Selbstgespräche den SUBURBAN MOTEL-Zyklus, der sechs eigenständige Stücke beinhaltet: PROBLEMKIND, NUR FÜR ERWACHSENE, GENIE UND VERBRECHEN, LORETTA!, DAS ENDE DER ZIVILISATION und RISIKO. All diese Stücke handeln von "Menschen, die versuchen, ihrem Leben in dieser sehr, sehr , sehr chaotischen Welt einen Sinn zu geben." Alle sechs spielen in demselben, billigen Prototyp eines Motelzimmers - ein Schauplatz, den Walker "unglaublich befreiend" findet. "Weil ich die Welt nicht neu erschaffen muss. Die Welt ist dieses Zimmer und es gibt's nichts, was zwischen mir und den Charakteren steht, keine narrativen Zwänge, denn die Geschichten sind nur das, was in diesem Zimmer passiert. Etwas anderes ist nicht möglich."

Walker interessiert sich für den "dreckigen Kram", das ganz gewöhnliche, anarchische Chaos in der menschlichen Existenz - roh, instinktiv, unverblümt, unvorhersehbar. Die Bühnenwelten  Walkers sind Licht und Schatten zur gleichen Zeit, unablässig trostlos und gleichsam prächtig. "Beide Seiten sind ständig präsent. Und deswegen erscheinen sie uns wie das echte Leben", sagt der New Yorker Regisseur Dan De Raey. Walker spricht, während er schreibt. Es geht alles sehr schnell. Mit eruptiver Energie werden die Worte wie von einem inneren Verbrennungsmotor heraus getrieben, seine Stimme wechselt stufenlos vom Bühnenflüstern zur maximalen Lautstärke. Er erklärt: "Manche Figuren gehen in dunklere Ecken, als ich es normalerweise tun würde, doch sie sind gänzlich unabhängige Kreaturen. sie haben sich dahin bewegt; ich war nie da." Beinah gerät sein Schreiben außer Kontrolle. Er schrieb die Stücke, "weil es das ist, was ich eben mache. Ich kann nicht nicht schreiben. Ich hatte nie das Verlangen, sie irgendwo auf der Bühne zu sehen. Ich versuche nicht, irgendetwas zu erreichen. Das ist keine Kunst, ich versuche nur, etwas zu erschaffen. Wenn ich schreibe, bekomme ich das Zittern."

Walker ging jeden Tag in die Bibliothek, um am SUBURBAN MOTEL-Zyklus zu schreiben. Er ging dafür enorme Strecken zu Fuß - er sagt, sein einziges Hobby sei Spazieren -, hörte dabei den verschiedenen Stimmen auf der Straße zu, fing sie ein. De Raey hat das Ergebnis in Staunen versetzt: "Dieser Zyklus hat mich umgehauen. Walker hat Grenzen gesprengt. Und es gibt nicht eine Minute Mist. Er ist unvergleichlich. George F. Walker verhält sich zur zeitgenössischen Dramatik wie Bob Dylan zur Musik: Er ist auf Platz eins und auch auf Platz zwei und dann kommt lange nichts."

Walker hatte von Natur aus einen kleinen Hang zum Nervösen. Der Sohn eines Arbeiters, aufgewachsen in East End, einem Armenviertel Torontos, hatte nur ein einziges Theaterstück gesehen, war nie auf der Universität und verdingte sich als Taxifahrer. Seine schriftstellerische Begabung fußte auf keiner Familientradition und doch, "ohne wirklich zu wissen, warum", schrieb er seit seiner Kindheit Gedichte und Kurzgeschichten. Ken Gass, der Gründer des Factory Theaters in Toronto, ist für Walkers Karriere mitverantwortlich. 1970 stieß Walker an einer Telefonzelle zufällig auf ein Plakat, das auf einen Theaterstück-Schreibwettbewerb hinwies. Daraufhin bewarb Walker sich bei Gass mit seinem ersten Stück PRINCE OF NAPLES - und gewann. Gass erinnert sich: "Walker war ein wundervoller Widerspruch. Er kam ganz klar aus der Arbeiterklasse. Dennoch war er sehr belesen. Und da er nichts von Theater wusste, konnte er seiner Imaginationskraft umso mehr freien Lauf lassen." Inzwischen denkt Walker über eine Fortsetzung des SUBURBAN MOTEL-Zyklus' nach. Die Möglichkeiten der Dramatik sind schließlich unendlich. Unter gewissen Umständen könnte jeder Mensch einmal in diesem Zimmer sein. Aus den sechs Stücken könnten also gerne neun oder zwölf oder mehr werden. Durch die Greifbarkeit dieses Motelzimmers - mit Bett, Tisch , Fernseher und Telefon - kann er ohne Bandagen mit "diesem emotionalen Zeugs" ringen. "Und der Rest ist Fliegen." 

Michael Posner (The Globe and Mail, 23. Oktober 1997, Toronto) 

(Ankündigungstext im Theatermagazin 11/2012)